Mobilität in der 3. Dimension

2019 11 19 Urban Air Mobility Munich Aerospace Research Group
Munich Aerospce-Forschungsgruppe "Modelling, Simulation and Concepts of Urban Air Mobility Transport Systems" (Quelle: Kay Plötner)

4. Dezember 2019 - Unter dem Schlagwort Urban Air Mobility erforscht die Munich Aerospace-Forschungsgruppe „Modelling, Simulation and Concepts of Urban Air Mobility Transport Systems" neuartige Luftfahrtkonzepte für die Stadt. Der Wissenschaftler Dr. Kay Plötner vom Thinktank Bauhaus Luftfahrt klärt in einem Interview mit Munich Aerospace über mögliche Vor- und Nachteile auf.

 

Ob fliegende Taxis, Landeplätze auf Hochhäusern oder City Airports auf Bahnhöfen – viele der neuen Verkehrskonzepte erinnern an Science Fiction: Wofür brauchen wir Urban Air Mobility?

Unter dem Begriff Urban Air Mobility stehen diverse Anwendungsfälle von Luftmobilität im urbanen Raum. Diese reichen von Passagiertransport, Logistik, Notfalleinsätzen, hoheitlichen Aufgaben bis hin zur Überwachung aus der Luft. Im Rahmen dieser Einsatzmöglichkeiten untersucht das Bauhaus Luftfahrt zusammen mit den Partnern TU München, Universität der Bundeswehr und der TH Ingolstadt angewendet auf die Testregion Oberbayern das Potential von Passagiertransport.

 

Laut Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen leben seit 2008 mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Weil dadurch der Verkehr zunimmt, steigen auch die Umwelt- und Lärmbelastungen. Mit welchen Ideen kann Urban Air Mobility entgegenwirken?     

Die zukünftigen Flugvehikel sollen vollelektrisch operieren. Wie bei der Elektromobilität am Boden können Verbesserungen der Luftqualität erwartet werden. Jedoch ist die Energieeffizienz der senkrechtstartenden Vehikel erheblich schlechter als bei vergleichbaren Elektrofahrzeuge am Boden.

Aber auch das Thema Lärm wurde als wesentlicher Designtreiber identifiziert. Die aktuelle Forschung fokussiert sich dabei auf die Reduzierung von Lärm im Vehikelentwurf und die Planung von Flugtrajektorien. Generell bleibt aber das Thema Lärm gerade in europäischen Städten eine große Herausforderung.

 

Eine kürzlich erschienene Studie des Umweltbundesamts hat ergeben, dass der Straßenverkehr als die größte Lärmquelle wahrgenommen wird. Aber auch Flugzeuge empfinden 42 Prozent der Befragten als unangenehm. Wie können Senkrechtstarter den Lärmpegel senken?  

Im Nahbereich der an- und abfliegenden Vehikel wird es sehr schwer sein, Lärmniveaus äquivalent zur Straße einzuhalten. Aber in größeren Flughöhen sollte der Lärm am Boden – ähnlich zur klassischen Luftfahrt – eher gering ausfallen. Dennoch bleibt die zentrale Frage, von wie vielen Flugbewegungen man ausgeht. 

 

Wachsende Städte haben mit immer mehr Staus zu kämpfen. Tragen die neuen Luftfahrtkonzepte auch zur Verkehrsentlastung bei?

Eine Vision von Urban Air Mobility ist die Nutzung des Luftraumes als 3. Dimension, denn so kann zusätzliche Transportkapazität bereitgestellt werden. Man hofft, dass Urban Air Mobility die Stausituation in den Groß- und Megastädten signifikant verbessern könnte. Um diese Vision zu erreichen, müsste Urban Air Mobility aber erhebliche Transportkapazitäten zur Verfügung stellen und diese auch zu bezahlbaren Preisen anbieten können. Daher glauben wir, dass Urban Air Mobility das heutige Transportsystem erst einmal nur ergänzen wird.

 

Die Modellregion Ingolstadt erforscht in praktischen Studien den Einsatz von Fluggeräten für die urbane Mobilität. Auch Lufttaxis sind hier ein Thema. Lohnen sie sich? 

Unsere aktuelle Forschung in der Modellregion Ingolstadt konzentriert sich auf die Einbindung von Urban Air Mobility in den öffentlichen Personennahverkehr. In unseren Studien konnten wir zeigen, dass sich selbst mit mehr als 100 in Ingolstadt verteilten Landeplätzen und taxinahen Preisen nur ein Transportanteil von 0,5 Prozent erzielen lässt. Staus würden so nicht verhindert und nur wenige Berufspendler könnten solch ein Angebot beanspruchen. Die Nachfrage wäre jedoch wesentlich höher bei nicht-regulären Fahrten oder bei der Anbindung zum Münchner Flughafen.

Erste Erkenntnisse über das Mobilitätsverhalten liefern interessante Konzepte, wie Park&Ride bzw. Park&Fly. Mit unserer Simulationsfähigkeit können wir diese gerade genauer untersuchen. Die Anbindung des ländlichen Raumes an die Metropolregionen einschließlich derer Flughäfen und Zugnetze halten wir auch für ein vielversprechendes Anwendungsszenario. Hier konnten unsere Simulationen zeigen, dass Urban Air Mobility gerade auf längeren Strecken einen signifikanten Transportanteil übernehmen könnte.

 

Wann und wo können wir in Deutschland mit den ersten Flugtaxis rechnen?

Schon heute kann man Urban Air Mobility in Form von Helikopterflügen kommerziell in der Stadt nutzen. Es gibt schon Angebote in New York, México City, São Paulo oder auch neuerdings in San Francisco. Kommerzielle pilotierte Flüge auf Grundlage von reinelektrischen oder hybridelektrischen Antriebskonzepten will die Industrie vor 2025 umsetzen. Zurzeit gibt es mehrere Modellregionen und dezidierte Testfelder für das autonome Fliegen. In Bayern sind das Ingolstadt/Manching und Oberpfaffenhofen.

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